In Gedenken an meine Mutter Judith Bernstein

Am 26.11.2025 hielt Shelly Steinberg auf der Kundgebung “Waffenlieferungen an Israel? Nicht in meinem Namen!” auf dem Gärtnerplatz eine Rede zum Gedenken ihrer am 13.11.2025 verstorbenen Mutter Judith Bernstein. V.a. geht sie auf den inakzeptablen Umgang der Stadt München mit Judith Bernstein ein:

Liebe Freundinnen und Freunde,

Lasst uns heute auch Abschied nehmen von einer Frau, die in dieser Stadt – und weit darüber hinaus – zum Symbol für Mut, Konsequenz und Menschlichkeit geworden ist: für meine Mutter Judith Bernstein, die am 13.11. nach langer Krankheit verstorben ist.

Meine Mutter ist 1945 in Jerusalem zur Welt gekommen - damals gab es noch keinen Staat Israel, so dass in ihrer Geburtsurkunde steht “Palästinenserin”. Darauf war meine Mutter immer sehr stolz - eine jüdische Palästinenserin zu sein.
Nach Stationen in London und Paris kam sie Ende der 60er Jahre nach München, wo sie sich 1976 endgültig niederließ. Ihre Eltern, also meine Großeltern, kamen ursprünglich aus Deutschland. Beide flohen 1935 nach Palästina - nicht weil sie religiös oder gar zionistisch waren, sondern nur, weil kein anderes Land bereit war, sie aufzunehmen. Der Großteil der Angehörigen meiner Großeltern wurde in Auschwitz ermordet.
Der Leitspruch meiner Mutter war:

„Auschwitz kann kein Freibrief für Menschenrechtsverletzungen sein.“

Und weil sie diesen Satz ernst nahm, weil sie ihn lebte, wurde sie hier in München, in Deutschland zur Zielscheibe. Sie engagierte sich mit Leidenschaft für die Rechte der Palästinenser, seit Jahrzehnten hat sie das Unrecht, die Unmenschlichkeit angeprangert und gewarnt, dass das, was wir heute in Gaza und im Westjordanland sehen, eintreten wird – und sie erlebte, was viele erleben, die dies in Deutschland tun: Sie wurde angegriffen, öffentlich angefeindet, ausgegrenzt, zum Problem erklärt.
Besonders in München musste sie erfahren, wie schnell man zur „Persona non grata“ erklärt werden kann, wenn man unbequeme Wahrheiten ausspricht. Wie oft wurde sie diffamiert, ihr Antisemitismus vorgeworfen – ihr, einer jüdischen Frau, Enkelin von Holocaustopfern, die ihre ganze Arbeit gerade darauf gründete, Antisemitismus in all seinen Formen zu bekämpfen und die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen, um eine gerechte Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen.

Es ist doch ein Hohn, dass sie als Jüdin angefeindet wurde und ihr die Grundrechte im angeblichen Kampf gegen Antisemitismus entzogen wurden! Das ist wohl der sichtbarste Ausdruck der tiefen Heuchelei: einer offiziellen Haltung, die behauptet, Erinnerung zu schützen, während sie gleichzeitig Menschen entrechtet, die sich für universelle Menschenwürde einsetzen. Und diese Leute führen ihre rechtswidrige Politik unbeirrt fort.
Meine Mutter entlarvte diese Heuchelei – offen, unbeirrbar und unbequem. Und genau deshalb wollte man sie zum Schweigen bringen. Doch sie ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Nicht von politischen Beschlüssen, nicht von öffentlichen Angriffen, nicht von den immer härter werdenden Bedingungen für kritische Stimmen. Und selbst im Sterben schwieg sie nicht.

Ihre letzten Gedanken galten Gaza. Ihr letzter Facebook-Post nur ein paar Stunden vor ihrem Tod lautete:
„Gaza mon amour! Keiner spricht mehr von Gaza, aber ich werde Gaza nie vergessen und der Welt nie vergeben, dass alle zugeschaut und Gaza im Stich gelassen haben.“

Bis zum allerletzten Moment blieb sie bei den Menschen, deren Schmerz sie so tief empfunden hat. Bis zum Schluss blieb sie ihrer Überzeugung treu, dass kein Leben weniger zählt als ein anderes. Dass man nicht wegsehen darf. Dass Schweigen niemals neutral ist. Und gerade deshalb stehen wir heute hier.

Wir sagen: Waffenlieferungen an Israel? Nicht in meinem Namen!
Und in Mamas Worten: „Menschenrechte sind unteilbar.“

Meine Mutter erzählte oft, wie sehr sie dieses Land hier damals bewunderte. Wie scheinbar ernsthaft die Menschen sich mit der Vergangenheit auseinandersetzten, wie vorsichtig Politiker sprachen, wie groß die Hoffnung war, dieses Land könne aus der Geschichte lernen. Doch immer wieder sagte sie gerade in der letzten Zeit zu mir: „Kein Politiker damals hätte sich so geäußert, wie viele es heute tun.“

Diese Entwicklung tat ihr weh. Sie sah, wie Erinnerung zur Staatsräson verkam, während ihr moralischer Kern verloren ging. Sie sah, wie historische Verantwortung zu politischem Kalkül wurde – und wie diese Verschiebung sich heute dramatisch zeigt im Umgang mit Palästina. Meine Mutter wollte ein anderes Deutschland.
Ein Deutschland, das lernt, statt zu verdrängen.
Ein Deutschland, das verbindet, statt zu beschuldigen.
Ein Deutschland, das Menschenrechte nicht selektiv verteilt.

Wir stehen heute hier, um dieses Deutschland einzufordern. Wir würden uns vorerst ja schon zufrieden geben, wenn deutsche Politiker sich einfach nur an geltendes Recht halten würden.

Meine Mutter hat die Heuchelei benannt, als es kaum jemand wagte. Ihr Handeln basierte auf einem tiefen und bewussten Bekenntnis zur Menschlichkeit und Menschenwürde. Sie hat Gaza nicht vergessen, als die Welt wegsah. Und sie hat uns gezeigt, was Haltung bedeutet.
Wir tragen ihre Stimme weiter so wie sie es tat: Laut. Unbequem. Menschlich.

Und lasst uns nicht nur auf der Straße auf eine Veränderung hinarbeiten - lasst uns unseren Unmut auch an der Wahlurne zum Ausdruck bringen. Am 8. März können wir unseren Politikern in München zeigen, was wir von ihnen halten. Lasst uns unser Kreuz für Frieden und Gerechtigkeit setzen. Alleine schon für den Umgang mit meiner Mutter müssen sie abgestraft werden.

Vielen Dank